Frohe Ostern

„Uno, dos, sonido“, schallt es aus der großen Box, die auf der Ladefläche eines gelben Pickups steht. Zwei Jungs sitzen daneben und testen die Mikrofone für die Priester. Diese warten zusammen mit dutzenden Gläubigen vor der Kirche Santa Fatima in Quibdó. Es ist 9 Uhr morgens und der Himmel ist grau bewölkt, in der Nacht hat es kräftig geregnet. Vier Männer treten aus der Kirche, auf ihren Schultern tragen sie eine große Statue. Es ist der gefolterte, dornengekrönte Jesus, der sich unter dem Gewicht des schweren Kreuzes voranschleppt. In wenigen Minuten beginnt die große Karfreitags-Kreuzwegs-Prozession.
Es ist einer der Höhepunkte der Semana Santa, oder Karwoche, wie man in Deutschland sagt und stellvertretend für die Art, wie hier Ostern gefeiert wird.

In Deutschland beginnt das Osterfest gedanklich mit dem Aschermittwoch. Die jäcke Zeit ist vorbei und wird von der 40-tägigen Fastenzeit abgelöst. Diese Zeit wird hier quaresma genannt, aber ist nur in der Liturgie der Messfeiern erkennbar. Eine Verzichtskultur während dieser vierzig Tage existiert hier nicht. Verzichtet wird höchstens vielleicht an den Freitagen, denn von Verzicht ist ja bereits das ganze Leben geprägt.

Dafür gibt es Schulferien in der Karwoche, genau wie in Deutschland. In den ersten drei Tagen der Karwoche finden verschiedene Veranstaltungen für Kinder und Jugendliche statt – Treffen der Katechetengruppen und der „pascua juvenil. Aus den verschiedenen Pfarreien kommen die Jugendlichen zusammen, um gemeinsam über Ostern und das Osterwunder zu reden. Am Mittwoch vor Ostern schließen sie diese Treffen mit einem großen Gottesdienst mit dem Bischof von Quibdó in der Kathedrale ab.

Mit den Jugendlichen beginnt die Karwoche und sie hört mit den Kindern auf: Am Ostersonntag gibt es extra Kindermessen in vielen Pfarreien.
Aber so wie die Tage zwischen dem Palmsonntag und Gründonnerstag normale Werktage sind, haben auch am Ostersonntag alle Geschäfte auf, wie an jedem anderen Sonntag auch.
An diesem Tag ist Jesus aber doch auferstanden, werden Sie jetzt sicher protestieren und hinzufügen: Das große Osterwunder ist doch das Wichtigste der ganzen Karwoche.
Das mag in Deutschland durchaus richtig sein, doch hier lässt sich wieder einmal ein Erbe der spanischen Kolonisation Lateinamerikas beobachten.
Die Spanier brachten ihre Tradition der Semana Santa in die Neue Welt, wo sie bis heute lebendig ist und die Kolumbianer indenifizieren sich mehr mit dem Leiden Jesu als mit seiner Auferstehung, denn Leid und Leiden kennen sie aus ihrem Alltag: „Im Chocó stirbt Jesus jeden Tag“, so hat dies ein Priester einmal in Worte gefasst.
Der Hauptgedanke hinter der Tradition, die sich bis in die frühe Neuzeit zurückverfolgen lässt, ist es, das Leiden Jesu nachzuempfinden. Ein wichtige Teil dabei sind die Prozessionen. Die erste Prozession findet am Palmsonntag statt. Dann gibt es Prozessionen zur Gefangennahme Jesu am Gründonnerstag, die Kreuzwegprozession und die „Prozession zum Heiligen Grab“ am Karfreitag, am Karsamstag die „Prozession der Einsamkeit“, bei der eine Mutter-Gottes-Statue getragen wird, sowie die Auferstehungsprozession am Ostersonntag. Der Ostermontag wird nicht als ein besonderer Tag gefeiert.
Die Tage an denen Jesus gelitten hat sind wichtiger als die, an denen Jesus wieder von den Toten auferstanden war. Man könnte sagen, so wie Jesus den Tod besiegt hat, so haben die Kolumbianer das Leiden besiegt und gehen wieder dem normalen Leben nach.
Der Karfreitag hält indes noch eine weiter Besonderheit bereit: „El sérmon de las siete palabras“, der Gottesdienst der sieben letzten Worte. Damit sind die sieben Sätze gemeint, die Jesus laut allen vier Evangelien am Kreuz gesagt haben soll. Dieser Gottesdienst ist besonders wichtig und manch ein Priester nimmt sich entsprechend die Zeit, zu jedem der sieben Sätze eine viertel Stunde lang zu predigen.

Die Zahl sieben spielt noch eine andere Rolle in der Semana Santa. Am Gründonnerstag wird das Allerheiligste ausgesetzt und in einen dafür speziell gebauten, prächtigen Altar gesellt. Es gibt die Tradition in Kolumbien, nach dem Abendmahl sechs weitere Kirchen zu besuchen, um insgesamt sieben Altäre besucht zu haben.
In Bogotá stehen in der Hauptallee, der Septima, sieben Kirchen und am Gründonnerstag pilgern die Gläubigen von Kirche zu Kirche, um sich die Altäre anzusehen.

Apropos Pilgern. Der Sonntag nach Ostern ist speziell für die Afrokolumbianer ein besonderes Datum. Dann pilgern viele von weit her nach Raspadura, einem kleinen Ort südlich von Quibdó. Dort hängt ein berühmtes Bild, das den leidenden Jesus mit Dornenkrone zeigt: „El Santo Divino Ecce Homo“, dem viele Wunder zugeschrieben werden. Zudem gibt es eine Heilquelle hinter der Kirche. Viele Chocoaner pilgern am Sonntag nach Ostern hierher, um zu beten und Danke zu sagen, für die Hilfe, die ihnen der Santo Divino Ecce Homo gegeben hat.  Noch aber ziehen die Gläubigen durch die Straßen Quibdós, den Kreuzweg entlang, der Statue Jesus folgend, die auf den Schultern von vier Männern ruht. Ihr Ziel sind 14 Stationen des Kreuzwegs, die durch Altäre am Straßenrand markiert werden. Außerdem stellen Kinder an jedem Altar die jeweilige Station nach. Am Ende gibt es für deren Leistung sogar Applaus. Die grauen Wolken haben sich zum Glück nicht verzogen, sonst würde die Sonne unbarmherzig auf die Prozession herunterbrennen.
Diese endet schließlich in der Kirche von Fatima, wo schon die Marienstatue für die nächste Prozession bereitsteht.

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Zwischenseminar in Bolivien

Am 24. Januar machte ich mich auf den Weg zum Flughafen von Quibdó. Mein Ziel: Chochabamba, Bolivien. Dort sollte eine Woche lang das Zwischenseminar der Freiwilligen in Lateinamerika stattfinden.
Am Flughafen in Bogotá traf ich mich zunächst mit Jessica, einer weiteren SoFiA-Freiwilligen, die ihren Dienst in der Hauptstadt Kolumbiens macht. Zusammen sind wir über Lima in Peru, nach La Paz geflogen. Um halb zwei Uhr morgens kamen wir dort an. Auf über 4000 Metern über dem Meeresspiegel mussten wir ein paar Stunden warten, bis unser Anschlussflug nach Cochabamba weiterfliegen sollte. Jessica machte die Höhe nichts zu schaffen. Ich hingegen bin aus gemütlichen 45m über dem Meeresspiegel komme, habe die 4km Höhenunterschied durchaus gespürt: Herzrasen, Kurzatmigkeit, und das, obwohl ich nur rumsaß.
Nach einer endlosen Wartezeit ging es dann weiter nach Cochabamba. Dort fuhren wir mit dem Taxi zu unserem Zielort. Die „Casa de Catequistas“, ist ein großes, U-förmiges Gebäude, mit Kapelle, Schlafräumen, Küche, Speisesaal und verschiedenen Konferenzräumen. Eingerahmt vom Gebäude liegt eine schöne, grüne Wiese mit Sitzmöglichkeiten und Tischen in den Ecken. Um das Gebäude herum liegen Gemüsegärten und Maisfelder. Das Ambiente war wirklich schön, besonders das Panorama. Hinter dem Gebäude konnte man die zum Teil schneebedeckten Anden sehen, die einen Kessel um Cochabamba bilden, der teilweise über 5000m hoch ist. Dort ließ es sich eine Woche lang aushalten.
Jessica und ich waren die ersten, die ankamen. Die anderen trudelten im Laufe des Sonntags, bzw. Montagmorgen ein. Insgesamt waren wir 19 Freiwillige, die meisten aus Bolivien, nur Jessica und ich aus Kolumbien und Frederic, der extra aus Brasilien angereist war.
Am ersten Tag ging es, zusammen mit den drei Seminarleitern, darum, welche Themen in der folgenden Woche angesprochen werden sollten. Jeder Freiwillige durfte bestimmte Themen, die ihn persönlich beschäftigten, ansprechen. Dabei ging es bei einigen Freiwilligen um das Verhältnis zwischen Arbeit und Freizeit, der Umgang mit dem Chef, bei dem man auch gleichzeitig wohnt, oder um allgemeinere Dinge wie medizinische Versorgung, oder praktische Tipps, um Unterricht zu gestalten. All diese Themen wurden im Laufe der Woche noch einmal speziell angesprochen. Außerdem gab es in kleinen Gruppen persönliche Gespräche, bei denen jeder der Freiwilligen zunächst seine persönliche Situation im Dienst und auch im jeweiligen Umfeld schildern sollte und welche positiven, aber auch negativen Seiten es gibt.
Ein weiterer Punkt war ein Vortrag über Bolivien, über die Geschichte, die aktuelle Politik des Landes unter Evo Morales, und mit welchen Problemen das Land aktuell zu kämpfen hat.
Am interessantesten aber war der Austausch untereinander. Jeder hat von seinem Projekt und seinen Erlebnissen bisher erzählt. Die schönen Seiten, die negativen, die Schwierigkeiten zu Beginn, wie damit umgegangen wurde und welche schönen Seiten sie bisher erleben durften.
Es war schön zu sehen, dass es im Grunde allen gut geht, wenngleich es natürlich immer die einen oder anderen Schwierigkeiten gibt. Gleichzeitig hat das auch Mut gemacht, dass man nicht alleine ist, wenn mal etwas nicht klappt, wenn man die Einheimischen nicht versteht, oder wenn man mal wieder Heimweh hat. So geht es jedem. Dem einen mehr, dem anderen weniger.
Die Woche hat unglaublich viel Spaß gemacht. Es war schön, einmal ein anderes lateinamerikanisches Land zu sehen und vor allem, einige der anderen Freiwilligen wiederzusehen, die mit mir zusammen in ihre jeweiligen Abenteuer gestartet sind. Gleichzeitig war die Woche eine gute Möglichkeit, noch einmal neu Schwung zu holen, für die restlichen knapp 7 Monate.
Am 31. Januar war das Seminar dann leider vorbei. Da unsere Flüge zurück nach Kolumbien aber erst am 2. Februar, früh morgens gehen sollten, blieben Jessica und ich noch bei Daria, die ihren Freiwilligendienst in Cochabamba macht. Bei ihr durften wir übernachten und haben das auch genutzt, um einmal das Nachtleben Boliviens kennenzulernen.
Und als wir dachten, am 2. Februar ist alles vorbei, haben wir uns leider getäuscht. Unser Flug von Cochabamba nach La Paz war gecancelt worden. So standen wir mitten in der Nacht vor einem verschlossenen Flughafen und mussten wieder umdrehen. Am nächsten Morgen bekamen wir zwar einen anderen Flug nach La Paz, aber dort waren unsere Anschlussflüge schon längst weg. Die zuständige Fluggesellschaft hat versucht, die Sache zu klären und uns sogar ein Hotelzimmer in La Paz gestellt. So kamen wir unfreiwillig zu einem weiteren Tag in Bolivien, den wir dann so gut wie möglich verbrachten. Am Abend habe ich dann stundenlang versucht, das Flugchaos zu lösen, was letztlich nur mit der Hilfe von Ursula und Uli, sowie Juan Carlos, bei dem ich meine Flüge gebucht hatte, klappte.
Mit einem Tag Verspätung kamen wir also in Bogotá an. Jessica war an ihrem Ziel und ich musste noch einen weiteren Tag warten, da es keine freien Plätze mehr nach Quibdó für den nächsten Tag gab. José, bei dem ich auch schon zu Beginn meines Abenteuers war, holte mich ab und brachte mich in einer kleinen Pension unter, bis es dann schließlich – zwei Tage später als ursprünglich geplant – zurück nach Quibdó für mich ging.
Trotz des Chaos, das ich dank der Hilfe guter Freunde lösen konnte, war es eine tolle Woche in Bolivien gewesen.

Advent in Kolumbien

Advent – das ist diese besinnliche, ruhige Zeit im Dezember, wenn der Himmel meist grau ist und das Wetter bitterkalt. Wenn man merkt, dass alles so langsam einem Ende zugeht. Als Schüler oder Student wartet man auf die Ferien und macht sich Gedanken um Weihnachtsgeschenke. Die Fußgängerzonen sind festlich geschmückt und voller Lichterglanz. Es duftet nach Tee, Zimt und Vanille. Und die Vorfreude auf das Weihnachtsfest wird immer größer.
So erinnere ich mich an die Vorweihnachtszeit. Natürlich, ich gebe zu, dass die Erinnerung vielleicht etwas idealisiert ist. Aber wer kann es einem verdenken, die Vorweihnachtszeit nicht etwas zu schönen? Zumindest einmal im Jahr darf man sich die Festlichkeit hinzudenken, auch wenn sie in der Realität, wie alles, meistens sehr viel profaner ist.
Und dann kommt da natürlich der Kontrast hinzu. 30 Grad und Sonnenschein mitten im Dezember. Ab und zu ein Hitzegewitter oder ein Regenschauer, aber das tut der Hitze hier in den Tropen keinen Abbruch.
Und auch hier, in diesem gut katholischen Land, wird selbstverständlich Weihnachten gefeiert und auch der Advent. Doch das wirkt nicht nur wegen des heißen Wetters so ganz anders.
Die Lichterketten an den Häusern sind bunt und müssen vor allem eines – blinken. Ansonsten gilt je mehr, desto besser. Dazu kommt eine mir unverständliche Vorliebe zum Plastik. Aber zugegeben, wo keine Nordmanntannen und Fichten wachsen, muss man eben auf die Künstlichkeit zurückgreifen.
Was die Besinnlichkeit angeht, so verstehen es aber auch die Kolumbianer, einen gewissen Glanz in den Advent zu zaubern. Der 7.Dezember ist der Tag der Kerzen. Abends stehen in jedem Haus unzählige Kerzen in den Fenstern, vor den Türen und auf den Balkonen. Sie bleiben dort stehen, bis sie hinuntergebrannt sind. Ein beeindruckender und zauberhafter Anblick, bei der sich in mir eine große Sehnsucht ausbreitet. In den Häusern werden die Türen und die Fenster geschmückt und alle freuen sich schon auf das Weihnachtsfest – so wie bei uns daheim auch.
Religiös sind vor allem die letzten neun Tage vor Heiligabend wichtig. Am 16. Dezember beginnt die sogenannte „Novena de Navidad“. Ab dann werden jeden Tag Weihnachtsmessen gefeiert und zusammen gebetet. Manch einer lädt zu sich nach Hause ein, oder man besucht Freunde in verschiedenen Stadtviertel, um gemeinsam zu beten und zu singen.
Drum bin ich auch schon sehr gespannt wie Weihnachten selbst wird. Man sagte mir schon, dass Weihnachten und Silvester hier in umgekehrter Art gefeierten werden wie es bei uns in Deutschland der Fall ist. So soll Weihnachten die große Party auf den Straßen und Silvester die „besinnliche“ oder besser gesagt emotionalere Feier im Kreis der Großfamilie sein. Wie das wohl wird?
In diesem Sinne wünsche ich eine besinnliche Adventszeit und frohe Weihnachten.

Feria artesanal – justa, alternativa, solidaria – September 2014

“Einen schönen guten Morgen euch allen. Herzlich Willkommen auf der zehnten alternativen, gerechten und solidarischen Handwerksmesse!“, schallt es aus den Boxen durch den Konvent im Herzen Quibdós. Zum zehnten Mal startet an diesem Mittwochmorgen im September die Kunsthandwerksmesse. 21 Gruppen aus der ganzen Diözese präsentieren ihre Produkte. 21 sehr unterschiedliche Gruppen. Da ist zum Beispiel die Gruppe der „Seglares Claretianos“, einer religiösen Gemeinschaft. Sie haben Stofftaschen bestickt und aus alten Plastikflaschen schöne Tischdekorationen in Form von Blumen gebastelt. Die Gruppe der „Choiba“-Frauen verkauft bestickte Platzdeckchen und süße Puppen für Kinder. Eine Frauengruppe aus Bojaya, ein Ort, der 200 Km flussabwärts liegt, bietet bemalte und bestickte T-Shirts und Hemden an. Eine andere Gruppe verkauft selbstgemachte Kerzen, wieder andere bieten selbstgebackenes Brot an. Das Angebot ist riesig. Und der Andrang nicht zu knapp. Zwar gibt es immer wieder Stunden, in denen nichts los ist und die Frauen nur der Musik aus den Lautsprechern lauschen oder sich unterhalten. Aber besonders das Patronatsfest San Pacho lockt viele Besucher in den alten Bischofspalast im venezianischen Stil. Wenn draußen die bunten Paraden vorbeiziehen, stellen sich alle in den Eingang, um zuzusehen. Sobald das wilde Treiben aber vorübergezogen ist, trotten alle wieder zu ihren Plätzen und bringen jede Menge Kundschaft mit.
Auch für das leibliche Wohl ist gesorgt. Die Gruppe der „Martinitas“ und die Köchinnen der „Cocomacia“ bereiten Frühstück und Mittagessen zu, bieten Kaffee und Kuchen an und versorgen ihre Gäste und die anderen Gruppen im Konvent mit chocoanischen Köstlichkeiten.

Jeden Morgen beginnt die Feria mit einem kleinen Impuls. Einige der Frauen bereiten Gebete, Texte oder Andachten vor. Insbesondere letztere machen den gemeinsamen Hintergrund der meisten Gruppen deutlich. Der Großteil der Frauen, die hier versammelt sind, sind in irgendeiner Art und Weise Opfer des bewaffneten Konflikts, der hier schon seit Jahrzehnten herrscht. Manche Gruppe hat sich aus diesem Hintergrund heraus erst gebildet, um zu zeigen, dass es weitergeht. Die Feria ist Symbol für den Willen und die Widerstandskraft der Frauen, die sich nicht von der Gewalt unterkriegen lassen wollen. Und so denken sie in den Morgenstunden an diejenigen, die den Konflikt nicht überstanden haben und nicht hier mit ihnen sein können. Einer von denen, die an der Gewalt und dem Unglück der Menschen zerbrochen sind, der aber so vielen von ihnen geholfen hat, war Rafa. Ein junger Mann, der 1999 mit im Boot der Diözese saß, auf das die Paramilitärs ein Attentat verübten. Dabei kamen ein 34jähriger Priester und ein spanischer Freiwilliger ums Leben. Rafel Gómez hatte die Reise damals organsiert und sich nie verzeihen können, dass er die anderen zu eingeladen hatte und diese dabei ihr Leben verloren. Wie ein Knoten ist ihm diese Geschichte im Hals stecken geblieben und so starb er sieben Jahre später an Kehlkopfkrebs.

Während die Sonne hoch über dem Konvent steht und in den Innenhof scheint, sitzen dort unter zwei Pavillons Kinder mit Behinderung und arbeiten an Teppichen. Sie gehören zu einer der Gruppen auf der Feria. Yolanda, selbst Mutter eines Kindes mit Behinderung, hat eine Stiftung ins Leben gerufen, um Kindern, die das gleiche Schicksal wie ihres haben, hilft. Während sie am Stand für Ordnung sorgt und ihre Teppiche, Ketten und andere Produkte aus recyceltem Plastik anbietet, arbeiten ihre Schützlinge am Nachschub.

Und weil das Geschäft so gut läuft und die zehnte Feria ein wahrer Erfolg ist, wird sie um einen Tag verlängert. Am 5. Oktober ist Schluss und die Tore des Konvents schließen sich zum letzten Mal für die Feria – bis zum nächsten Mal. Am nächsten Tag herrscht hier wieder der normale Arbeitsbetrieb der Diözese, die hier ihren Sitz und ihre Büros hat. Beim Abbauen hilft jeder mit, denn es ist schließlich eine solidarische Feria in jeder Hinsicht. Jeder packt an, wo er kann und innerhalb von wenigen Stunden sieht der Konvent dann doch etwas leer aus. Aber es wird nicht die letzte Feria gewesen sein.

 

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Qué viva San Pacho

Das laute, rhythmische Dröhnen von Trommeln, begleitet von Trompeten und Klarinetten, von Feuerwerksrakete angekündigt, bahnt sich fröhlich seinen Weg durch die Stadt. Vorneweg werden Fahnen geschwenkt. Dahinter der lange Tross von tanzenden, verkleideten, ausgelassenen Menschen. Jeder, der dem Rhythmus der bunten Schlange durch die Straßen von Quibdó folgt, und jeder, der dem Spektakel am Straßenrand zuguckt, weiß: Es ist San Pacho.

Aber was ist San Pacho? San Pacho ist das Fest zu Ehren des Stadtheiligen, des heiligen Franziskus von Assisi. Erstmals begangen wurde es im Jahre 1648. Am 4. Oktober dieses Jahres veranstalteten Franziskanermönche mit einer Franzsikusstatue eine Prozession auf dem Rio Atrato. Aus dieser Tradition heraus ist heute ein riesiges Fest geworden, das mehrere Tage lang dauert und mittlerweile sogar inmaterielles UNESCO Weltkulturerbe ist. Offizieller Beginn ist der 20. September. Nach einem Festgottesdienst findet eine große Parade statt. Vorneweg werden die Fahnen von zwölf Stadtvierteln – den zwölf traditionellen – geschwenkt. Dahinter folgen verschiedenste Gruppen, die bunt verkleidet sind. Unter ihnen sind Institutionen, wie die Polizei oder das Finanzamt. Aber auch Gruppen aus anderen Teilen des Chocó oder der Diözese Quibdó, die zum Teil im Nachbardepartamento Antioquia liegt, kommen und beteiligen sich am Umzug.
Einen Tag vorher dürfen sich die kleinen schon auf San Pacho einstimmen. Die Kindergärten der Stadt feiern San Panchito – die wortwörtlich kleine Version von San Pacho. Dieses Jahr mussten die Kleinen sich durch strömenden Regen kämpfen.
Nach der Eröffnung dürfen die Barrios, also die Stadtviertel ran. Jeden Tag zieht ein anderes der zwölf Barrios durch die Stadt, verkleidet, mit Musik und dem hinterherziehenden Volk. Das Besondere an diesen Umzügen sind die Wagen. Jedes Jahr gibt es ein Motto zu San Pacho. Dieses Jahr geht es um die Umwelt und die Umweltzerstörung, insbesondere durch den Abbau von Edelmetallen. Wie bei den Rosenmontagsumzügen in Köln oder Mainz versucht jedes Viertel das Motto auf einem Wagen darzustellen.

San Pacho findet seinen Höhepunkt am 3. und 4. Oktober. Am 3. Oktober gibt es eine Flusswallfahrt, in Erinnerung an die Prozession aus dem 17. Jahrhundert mit einer Franziskusstatue. Am Nachmittag findet dann der letzte Umzug, an dem sich alle Barrios beteiligen, statt. Auch am 4. Oktober ziehen die Quibdoseños durch ihre Stadt – allerdings nicht verkleidet und nicht mit Musik, sondern als Prozession. In jedem der zwölf Barrios gibt es einen Altar, an dem die Prozession Halt macht.

Das Ende von San Pacho ist schließlich der 5. Oktober. Die Fahnen werden zurückgetragen und mit einem letzten Konzert geht das längste Fest im Chocó zu Ende.

Was während San Pacho auf den Straßen los ist, die bunten Verkleidungen, die Musik, die kunstvoll gestalteten Wagen und vor allem die Ausgelassenheit, Freude und Begeisterung der Menschen über dieses Fest, ist schwer zu beschreiben. Einen kleinen Eindruck können die Fotos geben. Bis zum Ende von San Pacho werde ich die Galerie noch um das ein oder andere Foto erweitern.
In bewegten Bildern gibt es San Pacho hier in einem Video eines lokalen Fernsehsenders: LINK

Qué viva San Pacho – Qué viva!

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La semana de la Paz – Die Friedenswoche

Eine Woche im Zeichen des Friedens. Die „Semana de la Paz“ findet in Kolumbien dieses Jahr vom 6. bis zum 14. September statt. Im ganzen Land gibt es dazu verschiedenste Veranstaltungen. Auch hier in Quibdó wird die Semana de la Paz begangen. Am Samstagmorgen gab es in einer kleinen Kapelle im Zentrum der Stadt einen Gottesdienst mit Bischof Juan Carlos Barreto Barreto. Während der Feier trugen die Beteiligten verschiedene Symbole zum Altar, die sie in ihrer speziellen Situation hier, mit Frieden verbinden, wie zum Beispiel eine Schale mit Mais- und Reissamen, die für den Frieden stehen sollen.

Im Anschluss an die Messe stellten sich einige Frauen, die in der Messe waren raus an den Straßenrand mit Fahnen in der Hand, auf denen Wörter wie Hoffnung, Frieden, Versöhnung, Gleichheit oder Gerechtigkeit standen. Einige andere Frauen hielten Kreuze in der Hand mit darauf befestigten Schildern, auf denen sich jeweils der Name, das Alter, das Todesdatum, die Täter, der Tatort und manchmal auch ein Foto eines Opfer des bewaffneten Konfliktes befand. Unter einem kleinen Pavillion waren noch mehr dieser Schilder befestigt, die auch in der Kapelle an den Wänden hängen. All diese Schilder zeugen von den Grausamkeiten des Konflikts, der bis heute anhält.

Nach der Messe kam eine Frau zu Ursula, um ihr einen weiteren Fall zu berichten. Ein neues Schild, das sich unter die bisherigen einreihen wird, um gleichermaßen stummer Zeuge dieses Krieges zu sein.

Zuvor, im direkten Anschluss an die Messe, stellte Padre Uli eine Studie vor, die er zusammen mit Ursula verfasst hat. Diese Studie, in dem sie den Konflikt, der nun schon seit über 40 Jahren im Chocó herrscht, dokumentiert haben. Insgesamt haben sie 929 Opfer, d.h. Zivilisten, die getötet oder verschleppt worden sind, aufgelistet, und in verschiedenen Statistiken den Konflikt nacherzählt. Wer war für die Opfer verantwortlich? Wo fanden die Gräuel statt und wann? Doch zu dieser Studie ein ander Mal mehr.

Während der Semana de la Paz gibt es aber nicht nur den Blick in die Vergangenheit und auf die schweren Folgen des Konfliktes. So findet zum Beispiel die ganze Woche über ein faires Fußballturnier statt. Fünf Pfarreien spielen auf einem kleinen Fußballfeld gegeneinander. Fünf gegen fünf, mit je zwei Frauen in der Mannschaft. Dabei geht es – und hierbei haben viele der Jungs die Augen verdreht und laut gestöhnt – nicht um Tore. Es geht vor allem um Werte. Es gibt Minuspunkte für eine Mannschaft, wenn sie zu aggressiv spielen, d.h. sich nicht um andere kümmern. Wie gut integrieren sich die Spieler gegenseitig? Wie aktiv wird mitgemacht? Oder wie gleich werden alle behandelt? Nach dem Spiel wurden die Werte noch einmal gezeigt und die Mannschaft mussten selbst sagen, wie gut sie die Punkte eingehalten haben oder nicht.
Ich durfte zuschauen und mit entscheiden, wer welche Werte wie gut umgesetzt hat. Außerdem wurde ich gefragt, ob in Deutschland auch Jungen und Mädchen zusammen spielen? Wer das liest, darf die Frage gerne selbst beantworten.
Diese Art von Fußballturnier gibt es schon seit über zehn Jahren in Kolumbien. 2006 fand in Deutschland sogar eine Weltmeisterschaft in dieser Art Fußball statt, bei dem auch eine Mannschaft aus Quibdó vertreten war.

Die Semana de la Paz hat gerade erst begonnen und ich werde berichten, wie sie weitergeht.

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Oro Verde – Grünes Gold

Heute möchte ich auf einen interessanten Artikel auf Zeit.de verweisen, in dem es um den Goldabbau in Kolumbien und insbesondere hier im Chocó geht. In dem Artikel ist von der enormen Umweltzerstörung durch den Abbau, aber auch von den mafiösen Strukturen, die dahinter stecken die Rede. Den Fokus legt der Artikel aber auf eine ökologische und ökonomische Alternative zur Zerstörung und der Gewalt.
Die vielfältigen Probleme in Bezug auf Mensch und Natur des meist illegalen Goldabbaus im großen Stil sind hier in der Tat enorm.

Wer sich neben dem Artikel auf Zeit.de ein genaueres Bild vom Goldabbau im Chocó machen möchte, kann das auf der Seite des amerikanischen Fotografen Steve Cagan machen, der mit seiner Kamera die Ausmaße des Goldabbaus im Chocó festgehalten hat.

 

Hier geht es zum Artikel auf Zeit.de: Oro Verde.

Hier geht es zur Seite von Steve Cagan: Chocó minig.

Meine ersten Tage in Quibdó

Am vergangenen Donnerstag ging alles sehr schnell. In der Früh holte mich José ab, damit ich meinen kolumbianischen Personalausweis abholen konnte. Der war fertig und keine zwei Minuten nachdem ich die Migrationsbehörde betreten hatte, konnte ich sie mit Ausweis wieder verlassen.
Danach haben wir nach Flügen Richtung Quibdó, dem eigentlichen Ziel meiner Reise, gesucht und tatsächlich einen für den Nachmittag gefunden. Also Flug buchen, Koffer packen und ab zum Flughafen. Jetzt ging es endlich auf die letzte Etappe meiner Reise und dorthin, wo ich ein Jahr verbringen soll.
Aus dem Flugzeug heraus konnte ich noch einen letzten Blick auf Bogotá und die Anden werfen, bevor wir von den Wolken verschluckt worden. Als die Sicht wieder klar wurde, sah ich unter mir nur noch grün. Wohin man auch sah: endloses, dichtes Grün, nur unterbrochen von einigen Flüssen, die sich wie Schlangen ihren Weg durch den schier undurchdringlichen Urwald von Kolumbien bahnen.
Bei der Landung schlug mir als erstes die feuchte Hitze entgegen, die hier so zum Alltag gehört, wie das beständige Grün zu den unzähligen Bäumen.
Abgeholt wurde ich von Ursula, einer Laienmissionarin aus Deutschland, die schon seit über 30 Jahren im Chocó lebt und arbeitet. Bei ihr verbrachte ich die erste Nacht in Quibdó.
Am nächsten Tag brachte sie mich zu meinem neuen zu Hause. Ich habe ein kleines Zimmer bei den Seglares Claretianes, einer Laiengemeinschaft der Claretinern. Marta, Maruja, beide Chocoanerinnen und Aurora, gebürtige Spanierin, sind die Frauen, die hier leben und die sich um mich kümmern. Auch wenn ich sprachlich noch nicht alles verstehe, fühle ich mich doch sehr, sehr wohl bei den dreien.
Obwohl ich Quibdó schon von einem vorherigen Besuch 2011 kannte, bin ich doch überwältigt von der Stadt. Es ist laut: auf den Straßen, die nur zum Teil gepflastert sind, fahren unzählige Motorräder in einem wirren, hupenden Durcheinander und an jeder dritten Ecke dröhnt Musik aus Lautsprechern.
Als Marta mich zum Einkaufen mitgenommen hat, war ich vor allem von der riesigen Auswahl an Obst und Gemüse begeistert. Granadillas, Papaya, Aguagate, also Avocado, die dreimal so groß sind wie in Deutschland, Orangen und Mandarinen, die hier grün sind und nicht orange wie bei uns und vieles, vieles mehr – und alles schmeckt einfach herrlich!
Im Haus wohnt auch der Sohn von Maruja, Camilo. Er ist 18 Jahre alt und studiert nebenan in der FUCLA, der katholischen Universität der Stadt. Er und seine Freunde nahmen mich Samstagabend mit in die Stadt, um mir zu zeigen, wie hier gefeiert wird. Viel anders als in Deutschland ist es nicht. Die Musik ist laut, der Alkohol fließt reichlich und es wird getanzt, wenn auch sehr viel enger und hüftbetonter als bei uns.
Am Sonntag hat mich dann Padre Luis Carlos, der Caritasdirector der Diözese Quibdó zu einem Treffen eingeladen, bei dem ich mich vorstellen sollte und er mir im Gegenzug einige meiner künftigen Aufgaben erläuterte. Im Anschluss an das Treffen nahm er mich auf dem Motorrad mit durch die Stadt und stellte mich auch schon einigen Leuten vor, mit denen ich in Zukunft zusammen arbeiten werde.
Alles in allem bin ich nach den ersten Tagen in Quibdó überwältigt, begeistert, schockiertund fasziniert zugleich. Diese Stadt und die Menschen hier sind unglaublich interessant. Ich bin gespannt, was ich noch alles erleben darf.

 

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Der Wind von Kolombien

Ich bin immer noch in Bogotá. Da mein Ausweis erst am Donnerstag fertig ist, habe ich noch ein bisschen Zeit, Kolumbien und die Menschen besser kennen zu lernen, bevor ich weiter nach Quibdó fliegen werde.
Zum Glück kenne ich hier in Kolumbien schon Leute. Beispielsweise Bonnie, eine ehemalige Reverse-Freiwillige von SoFiA. Bonnie war damals unter anderem in Saarbrücken und hat ihren Freiwilligendienst im Kindergarten von Bübingen geleistet. Am Samstag holte mich Humberney, ihr Freund, ab und wir fuhren nach Tunja, wo Bonnie jetzt Dozentin für soziale Arbeit an der dortigen Universität ist.
Zusammen haben wir uns die Stadt angesehen, die wie ein riesiges Museum wirkt. Überall stehen noch alte Häuser aus der Kolonialzeit, mit ihren kleinen Balkonen und zum Teil massiven Holzportalen. Am Hauptplatz steht auch ein Haus mit dem längsten Balkon in Lateinamerika.
Tunja war früher einmal die Hauptstadt von Kolumbien und vor allem in der Zeit der Unabhängigkeit Kolumbiens sehr wichtig, weil dort viele Schlachten stattfanden. Den Ort einer der Entscheidungsschlachten haben wir uns am nächsten Tag angesehen: die Puente de Boyacá. Hier besiegten die Truppen Simón Bolívars im Jahre 1819 spanische Kolonialtruppen.
Heute steht hier ein riesiges Denkmal, eine nachgebaute Brücke über den kleinen Fluss und ein Feuer, das immer brenen soll.

In Tunja und an der Puente de Boyacá hatte es noch stark geregnet, aber als wir weiterfuhren Richtung Villa de Leyva wechselte nicht nur das Wetter. Auch die Landschaft sah völlig anders aus. Es erinnerte mehr an die Wüsten von Mexiko als an die grünen und blühenden Anden. Entsprechend heiß war es auch und ich habe mir einen schönen Sonnenbrand geholt.
In Villa de Leyva war unglaublich viel los. Das kleine Städtchen ist noch kolonialer geprägt als Tunja und ein Touristenmagnet. Aber an diesem Wochenende war Villa de Leyva brechend voll, denn es fand das Festival des Windes und der Drachen, oder wie es im Spanischen heißt: Festival del Viento y las Cometas, statt.
Auf dem Hauptplatz, der der größte Steinplatz in Lateinamerika sein soll, hatten hunderte ihre Drachen mitgebracht und ließen sie steigen. Zum Spaß, zum Vergnügen, aber auch um zu zeigen, wie gut man mit dem Drachen umgehen kann.

Anschließend sind wir noch durch einige kleine Dörfer gefahren, wie Ráquira, das berühmt für sein Kunsthandwerk ist. Ráquira wörtlich übersetzt heißt so viel wie „Stadt der Töpfe“. Dort sind wir auch über einen Marktplatz geschlendert, auf dem die große Vielfalt an Früchten und Gemüse Kolumbiens vor uns lag.

Abends sind wir dann zurück nach Bogotá zu den Eltern von Humberney gefahren, die mich sehr herzlich empfangen haben. An diesem Wochenende habe ich sehr viel von der Kultur und Geschichte Kolumbiens kennen gelernt, aber auch sehr freundliche und herzliche Menschen.

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First Stop: Bogotá

Bienvenido a Colombia!

Gestern bin ich endlich angekommen. Nach einem viel zu langen Flug mit viel zu wenig Schlaf bin ich zusammen mit Jessica, einer weiteren Freiwilligen in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá gelandet. Am Flughafen wurde ich von José empfangen, ein Deutscher, der sich in Bogotá seit über dreißig Jahren um verschiedene soziale Projekte kümmert.
Er hat mich mit in die Stadt genommen, damit ich mein Visum bestätigen lassen kann und einen Personalausweis für Ausländer (cédula de extrañeria) bekomme. (Da soll noch mal jemand behaupten, in Deutschland bräuchte man für alles ein Formular!) Für diesen Pass musste ich erst noch meine Blutgruppe bestimmen lassen und dann fehlte noch ein Passfoto. Zum Glück stehen hier an den Straßen sehr viele kleine Händler, die alles mögliche verkaufen und anbieten. An einem Stand versprach ein Schild tatsächlich „Fotos“. Eine Frau sagte mir, was sie für acht Passfotos gerne hätte und dass es etwa drei Minuten dauern würde. Perfecto. Sie zog eine Kamera unter einem kleinen Tischen hervor, über dem eine schmutzige Decke bis zum Boden hing. Dann nahm sie eine Stange, an der ein weißes Tuch hing und sagte mir, ich solle ihr folgen. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, wohin sie mit mir gehen wollte. Es sah nicht so aus, als sei ihr Fotostudio um die Ecke. Wie verblüfft war ich, als sie mich in eine Bushaltestelle führte, ihr Tuch an eine Werbetafel hing und sagte, ich solle mich davor stellen. Ich stellte mich hin, lächelte und sie machte ein Foto. Dann gingen wir zurück zu ihrem Tisch, der sich als eine Kiste herausstellte, in der sich ein Drucker befand. Und tatsächlich, keine fünf Minuten später hatte ich achtsaubere Passfotos in der Hand und konnte meinen Pass beantragen.
Anschließend sind wir mit dem Bus zurück zur Wohnung von José gefahren. Auf der Fahrt konnte ich sehr viele Eindrücke von Bogotá sammeln. Diese Stadt ist sehr, sehr laut. Nicht nur weil sich in den engen Straßen und Häuserschluchten der Schall bricht, sondern weil ein ständiges geschäftiges Treiben herrscht. Besonders der Verkehr wirkt sehr chaotisch. Nicht nur, weil hupen zum Fahren so selbstverständlich dazugehört wie Gas geben und bremsen. Was aber für jemanden wie mich, der die Ordnung deutscher Straßen gewohnt ist, unglaublich aggressiv wirkt, ist es gar nicht. Ich habe keinen einzigen Unfall gesehen, obwohl dort Stoßstange an Stoßstange gefahren wird. Und auch wenn ein Fahrer hupt oder angehupt wird, bleibt er vollkommen locker. Inmitten dieses Chaos herrscht eine Ruhe und Gelassenheit, die für einen Außenstehenden bewundernswert ist.
Ebenso die Fußgänger: Einer schnappt dem anderen ein Taxi vor der Nase weg? Keine Sorge, da kommt gleich das nächste.
Auch in den Geschäften sind die Menschen sehr freundlich und hilfsbereit und scheinen sich von dem oberflächlichen Chaos der Stadt überhaupt nicht beeindrucken zu lassen.
Was auf den ersten Eindruck für mich wie das totale Chaos wirkte, ist auf den zweiten Blick sehr, sehr gut organisiert. Und wenn ich das Hupen nicht als Zeichen aggressiver Empörung, sondern als Warnung: „Achtung, hier komme ich!“ verstehe, wirkt das Chaos auch gleich sehr viel weniger chaotisch und auf eine gewisse Art freundlich und rücksichtsvoll. (Auch wenn so manches Hupen bestimmt auch einem Hupen in Deutschland entsprechen mag.) 
Ich freue mich sehr auf weitere Erfahrungen in Kolumbien!

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